Interview mit einer Kinoblindgängerin: Teil 1

Barbara mit einem Fernseher im Hintergrund.

Hallo Barbara, schön dass du Lust und Zeit hast, mit uns über deinen Blog und Audiodeskription im Allgemeinen zu reden. Stell dich doch bitte kurz vor!

Seit Anfang des Jahres schreibe ich in meinem Blog, www.blindgaengerin.com, über meine Kinoerlebnisse. Wenn ich nicht als Blindgängerin unterwegs bin, heiße ich Barbara Fickert, bin 56 Jahre alt und lebe seit 32 Jahren glücklich in Berlin.

Als gebürtige Mannheimerin wurde ich dort in eine Sonderschule für Sehbehinderte eingeschult und habe anschließend das Abitur an einem Regelgymnasium in Heidelberg bestanden.

Nach dem Jurastudium in Heidelberg und Berlin, leider ohne erfolgreichen Abschluß, habe ich in Büros als Logistikerin gearbeitet.

Vor 15 Jahren mußte ich – anfangs widerwillig – das Training mit dem weißen Langstock absolvieren, den ich inzwischen keine Minute mehr missen möchte. Wenn ich nicht ins Kino gehe, spiele ich akustische Gitarre und Percussion. Dazu versuche ich, mich durch Sport fit zu halten.

Wer mehr über mich wissen möchte, kann das in voller Länge auf meiner Seite unter „Über mich“ erfahren!

Inzwischen gibt es ja relativ viele Filme mit Audiodeskription, aber das ist ja eine relativ neue Entwicklung. Hast du auch früher schon gerne Filme geguckt und wenn ja, woher kommt dein Interesse für Film?

In meiner Familie wurde 1969 der erste Fernseher, ein Schwarz-Weiß-Gerät, angeschafft. Damals war ich 10 Jahre alt. Ich saß mit der Nasenspitze fast an der Mattscheibe und habe mit meinem kleinen Sehrest genauso begeistert in die Röhre geschaut wie der Rest der Familie. Ungefähr zur selben Zeit bin ich wahrscheinlich das erste Mal ins Kino gegangen. Die riesige helle Leinwand im Kontrast zu dem dunklen Kinosaal und die besondere Akustik haben mich sofort fasziniert und daran hat sich bis heute nichts geändert.

An Audiodeskription war damals lange noch nicht zu denken, das hat aber meiner Freude am Filmeschauen, wo auch immer, keinen Abbruch getan.

Hast du das Gefühl, dir entgehen viele Details oder ganze Handlungsverläufe, wenn du Filme ohne AD schaust?

Ja, und leider nicht nur das Gefühl, sondern die Gewißheit.

Seit ungefähr 15 Jahren kann ich auf der Leinwand und erst recht auf dem Fernsehbildschirm so gut wie gar nichts mehr erkennen.

Beim Fernsehen bin ich in den letzten Jahren einige Male mehr oder weniger zufällig in den Genuß von Hörfilmbeschreibungen gekommen. Bewußt einer Audiodeskription gelauscht habe ich das erste Mal vor knapp zwei Jahren im Kino, als bei der Premierenvorstellung des Filmes „Imagine“ auch die App von Greta und Starks ihre Premiere feierte.

Dieser Kinoabend, dank der App mit der Hörfilmbeschreibung in meinem Ohr, hat mir im wahrsten Sinne des Wortes die Augen darüber geöffnet, wieviel mir ohne Bildbeschreibung entgeht.

Unter den Kinofilmen, die ich mir in diesem Jahr ohne die App von Greta im Ohr, also ohne Hörfilmbeschreibung angeschaut habe, waren drei, bei denen ich mir das Eintrittsgeld hätte sparen können, das waren die Filme „Birdman“, Kingsman“ und „In meinem Kopf ein Universum“. Bei den übrigen mußte ich mehr oder weniger große Verständnislücken in Kauf nehmen.

Ganz schwierig wird es bei Filmen mit Dialogen in einer Fremdsprache, die ich nicht beherrsche, also alle außer Französisch und ein bißchen Englisch. Wie z.B. auf Chinesisch, Russisch, Arabisch usw.

Das kommt immer häufiger vor und soll der Filmhandlung wohl zu mehr Authentizität verhelfen.

Im Kino bleibe ich auch bei größeren Verständnislücken wach, zu Hause vorm Fernseher schlafe ich dann halt ein bißchen.

Was für Filme guckst du am Liebsten? Und ist die Tatsache, dass du blind bist, dafür mit ausschlaggebend? Z.B. lieber Filme mit mehr Dialog anstatt Action Thriller?

Dialoglastige Filme sind mir die liebsten. Ich denke, das wäre allerdings auch der Fall, wenn ich alles sehen könnte. Gerne schaue ich mir aber auch Actionfilme und Thriller an, gehe aber von vornherein davon aus, Abstriche beim Filmgenuß machen zu müssen.

Wie findest du es, wenn Sehende dir beschreiben, was sie sehen? Hilfreich, unterhaltsam oder eher störend?

Zu Hause vorm Fernseher sind wir inzwischen ein eingespieltes Team. Ich bekomme aber auch nur die wichtigsten Informationen zugeraunt, das hilft ungemein.

Wenn ich ohne eine Hörfilmbeschreibung im Ohr einen Film im Kino sehe, übernehmen entweder meine Begleiter oder, wenn ich alleine gehe, auch schon einmal mein(e) Platznachbar(in) im Kinosaal das hilfreiche Soufflieren.

Wir achten allerdings darauf, niemanden zu stören. Verena Bentele, die Bundesbeauftragte für die Belange behinderter Menschen und selbst blind, schreibt in ihrem Buch, daß ihr Zuflüsterer niemals lauter sein soll als der am nächsten knuspernde Popcornesser.

Uns ist das bislang immer gelungen, Popcornesser können ganz schön Krach machen!

Wie stehst du zu der Ansicht, dass AD nur eine gute Kompromisslösung ist, Blinde aber nie das gleiche Filmvergnügen wie Sehende haben können? Befürworter dieser Theorie sagen, dass in einem Bild viele Dinge gleichzeitig zu sehen sind, die Beschreibung in Worten aber immer linear sein muss.

Ob ich dasselbe Filmvergnügen wie die sehenden Zuschauer habe, kann ich schwer beurteilen, aber genau so viel Vergnügen bestimmt. Die Autoren der Bildbeschreibung müssen sich auf das Wesentliche beschränken, das kann also immer nur ein Kompromiß sein.

Ich verfolge viel intensiver die Dialoge, achte auf die Filmgeräusche, die Stimmen und ganz besonders wichtig für mich ist die Filmmusik. Das alles verschafft mir vielleicht ein anderes Filmvergnügen als den Sehenden, aber ein mindestens genau so großes!

Was macht eine gute AD für dich aus? Und was würdest du dir für die Zukunft wünschen?

Das kann ich so allgemein schwer beantworten.

Beispielsweise bei historischen Filmen möchte ich schon gerne wissen, wie die Menschen und deren Kleidung aussehen. Laufen die Leute herum wie jedermann, ist mir das ziemlich egal. Dann hänge ich lieber meinen Gedanken nach, die ich mir beim Hören der Filmmusik oder der Geräusche mache.

Oft reicht mir solch ein Filmgeräusch und mein Gehirn ruft glasklare und gestochen scharfe Bilder ab, die ich zu meinen sehenden Zeiten erhascht und abgespeichert habe.

Nervös werde ich allerdings, wenn ich bei den um mich Herumsitzenden Gefühlsregungen feststelle, die ich mir nicht erklären kann. Da muß die Hörfilmbeschreibung helfen. Dieser Balanceakt zwischen ausreichend Information und Überfrachtung mit Information macht für mich hauptsächlich eine gute Audiodeskription aus. Wenn dann auch noch die Stimmen der Sprecher klar, natürlich und angenehm in mein Ohr klingen, bin ich wunschlos glücklich.

Erzähl uns von deinen Erfahrungen mit der App GRETA: Wie funktioniert sie? Findest du sie gut bedienbar? Wie ist die Qualität der AD?

Seit der Premierenvorstellung im Dezember 2013 habe ich unzählige Hörfilmbeschreibungen über die App von Greta und Starks in mein Ohr bekommen. In der App gibt es nur fünf Menüpunkte, zwischen denen nicht einmal ich mich verirren kann.

Aber zuerst muß man sich die App kostenlos aus dem App Store bzw. Google Play auf sein Smartdevice (Smartphone, iPod Touch, Tablet usw.) herunterladen.

In der App gibt es den Menüpunkt „Filmauswahl“, wo alle Filme aufgeführt sind, für die eine Hörfilmbeschreibung über Greta zur Verfügung steht.

Um sich die Hörfilmbeschreibung auf sein Smartphone herunterzuladen, muß man den unter dem jeweiligen Filmtitel zu findenden Punkt „Download“ anklicken.

Das Herunterladen geht recht schnell. Sollte aber auf jeden Fall vor dem Kinobesuch in Ruhe zu Hause erledigt werden.

Wenn der gewünschte Film in der Liste „Meine Filme“ mit dem Punkt „Abspielen“ erscheint, ist alles in Ordnung, ansonsten neuer Versuch, neues Glück!

Im Kinosaal braucht man keine Internetverbindung und muß auch an kein WLAN andocken.

Man geht in den Punkt „Meine Filme“ und spätestens, wenn der Film beginnt, muß man die Hörfilmbeschreibung über den Menüpunkt „Abspielen“ in Gang setzen. Die Sekunden Wartezeit, bis die ersten Worte zu hören sind, werden mit einem Geräusch, so einer Art Herzklopfen, überbrückt, bis ein kurzer Signalton den Start der Hörfilmbeschreibung ankündigt.

Um das Synchronisieren der Audiodeskription mit dem Film muß man sich nicht kümmern, das geht automatisch und notfalls, beispielsweise bei einer Unterbrechung, gibt es einen Menüpunkt „Synchronisieren“. Das Synchronisieren erfolgt über das Mikrophon des Smartphones, man muß also in den Einstellungen des Gerätes der App den Zugriff auf das Mikrophon gestatten.

Greta hat mich bei all meinen Kinobesuchen kein einziges Mal im Stich gelassen und immer auf Anhieb funktioniert. Ich habe die Hörfilmbeschreibung meist in meinem rechten Ohr ganz für mich alleine und kann die Lautstärke den Filmgeräuschen anpassen.

Das Geniale an der App ist, daß ich die Hörfilmbeschreibung in den Kinosaal mitnehme, mich also für jedes x-beliebige Kino entscheiden kann.

Auf die Qualität der Audiodeskription hat Greta keinen Einfluß, weil sie nur das fertige Endprodukt zur Verfügung stellt.

Ganz wichtig ist es, immer die Updates der App herunterzuladen. Das habe ich vor kurzem versäumt und in meinem rechten Ohr herrschte gähnende Stille.

Genauso wichtig ist es, regelmäßig die App zu schließen, damit die neu hinzugefügten Filmbeschreibungen auf der Liste „Vorschau“ bzw. „Filmauswahl“ erscheinen, die Liste also aktualisiert wird.

Für jede Art von Frage kann man den kostenlosen Support von Greta unter support@gretaundstarks.de kontaktieren. Dort freut man sich auch über Lob, Kritik oder weitere Anregungen.

Die App GRETA ist kostenlos für IOS und Android Geräte verfügbar, barrierefrei und sehr einfach zu bedienen. Also probiert sie ruhig einmal im Kino oder vorm heimischen Fernseher aus und wenn ihr möchtet schreibt hier ein Kommentar mit euren eigenen Erfahrungen.

Im zweiten Teil des Interviews erfahrt ihr mehr über den Blog Blindgängerin und Barbaras persönliche Erfahrungen mit Kinobesuchen.

4 Kommentare

Eingeordnet unter Sonstiges

4 Antworten zu “Interview mit einer Kinoblindgängerin: Teil 1

  1. Vielen Dank für dieses offene und informative Interview, ich werde die App auf jeden Fall weiterempfehlen, meine Kollegen und Kolleginnen werden bestimmt dankbar für diesen Tipp sein.
    Im Kino habe ich auch schon souffliert, das hat super geklappt!
    Viele Grüße,
    Angelina

  2. Pingback: Frage und Antwort! | Blindgängerin

  3. Pingback: Interview mit einer Kinoblindgängerin: Teil 2 | Bilder für die Blinden

  4. Bei sehr geräuschbeladenen Stellen oder lauter Musik schafft es Greta nicht immer sich mit der AD durchzusetzen. Außerdem finde ich es persönlich schon, wenn der Filmton und die AD gemeinsam abgemischt auf den Kopfhörer kommen. Das ist sicher auch Geschmacksache.

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