Interview mit einer Kinoblindgängerin: Teil 2

Barbara an der Kinokasse

Den ersten Teil des Interviews mit Barbara findet ihr hier.

Guckst du lieber Filme im Kino oder im Fernsehen bzw. auf DVD? Und hilft dir der Sound im Kino, dir die Handlung besser vorzustellen?

Wenn ich mir einen Film ausgesucht habe und mich zwischen Kino oder Fernsehen entscheiden müßte, würde immer das Kino gewinnen. Kino ist viel intensiver. Das liegt schon daran, daß nicht Miniaturfigürchen auf der Mattscheibe herumspringen, sondern sich alles in einer überlebensgroßen Welt abspielt und ich mittendrin sitze, jedenfalls stelle ich mir das so vor. Durch den Sound bin ich den Filmgeräuschen im Kino gnadenlos ausgeliefert und die gehen mir oft durch Mark und Bein. Da hilft bei gruseligen Szenen auch kein Ohren zuhalten. Ob das auch für das bessere Verstehen der Filmhandlung hilft, weiß ich nicht, auf jeden Fall kann ich mir die Szenen viel besser vorstellen.

Noch ein großer Vorteil des Kinos ist, daß man weder von lästigen Klingelgeräuschen des Telefons, der Haustür oder von schnurrenden Vierbeinern, die genau dann Futter oder Streicheleinheiten fordern, abgelenkt wird. Ich mag aber auch liebend gerne gemütliche Fernsehabende auf der heimatlichen Couch, alles zu seiner Zeit!

In welche Kinos gehst du gerne und warum?

Ich gehe mindestens einmal pro Woche ins Kino und habe mir von den ungefähr 130 Berliner Filmhäusern sechs zu meinen Stammkinos auserkoren. Das sind zwei Programmkinos, das Cineplex Spandau und der Zoopalast. Die anderen vier sind kleinere Kinos: Kant Kino, Delphi, Filmkunst 66 und das Cinema Paris. Alle sechs sind in den Stadtbezirken Spandau oder Charlottenburg und damit, sehr wichtig, für mich auch alleine gut zu erreichen.

Von Anfang an hat man sich in all diesen Kinos gleichermaßen aufmerksam und unheimlich freundlich um mich gekümmert. Ich werde zu meinem Platz geleitet, mit Getränken versorgt, nach der Vorstellung wieder abgeholt und bei Bedarf organisiert man mir ein Taxi. Ich werde also auf Händen getragen, was will ich mehr. Meistens habe ich Glück und der Film, den ich mir anschauen möchte läuft in einem der sechs Kinos. Bin ich in Begleitung unterwegs, erweitere ich gerne meinen Kinoradius und lerne etwas Neues kennen.

Wie reagieren Kinopersonal und andere Besucher, wenn sie dich mit einem Blindenstock im Kino sehen? Fühlst du dich akzeptiert? Bekommst du Hilfe? Entstehen vielleicht auch interessante Gespräche?

Das Kinopersonal hat anfangs professionell und diskret neugierig reagiert. Auf dem Weg zu meinem Sitzplatz versuche ich zu erklären, wie ich mir den Film zu Gemüte führe, ob mit oder ohne Hörfilmbeschreibung, und daß ich das Erlebte in meinem Blog kundtue. Inzwischen bin ich in all meinen Kinos fast so bekannt wie ein bunter Hund und der Stock ist etwas ganz Normales.

Bei den Kinobesuchern ist das ein bißchen anders. Manche fassen sich ein Herz und fragen einfach. Manchmal ergreife ich das Wort, wenn ich an der Kasse mitbekomme, wer noch in denselben Film geht. Dann habe ich gleich jemanden, bei dem ich mich unterhaken kann.

Einmal hat die Dame neben mir einige Male während des Films die Augen geschlossen, um sich in meine Lage hineinzuversetzen. Eine andere hat ganz spontan die Rolle der Souffleuse übernommen. Es ist auch schon vorgekommen, daß ich mit meinen Platznachbarn nach der Vorstellung auf ein Getränk eingekehrt bin. Jedes Mal erlebe ich etwas anderes und immer habe ich nicht nur an dem Film Riesenfreude.

Warum, glaubst du, gehen relativ wenig blinde Menschen mit Begleitung und noch weniger alleine ins Kino?

Ich bin mir gar nicht so sicher, ob wirklich so wenig Blinde ins Kino gehen. Als im Februar während der Berlinale drei Filme mit einer live eingesprochenen Audiodeskription gezeigt wurden, war der Andrang gewaltig. Wenn man vor dem Kinobesuch nicht erst klären muß, ob und wenn ja, in welchem Kino ein Film mit Audiodeskription zu sehen ist, würden sich bestimmt noch mehr Blinde ins Kino begeben.

Alleine ins Kino zu gehen, ist, glaube ich, auch bei den Sehenden eher eine Ausnahme. Kino ist doch eigentlich ein Gemeinschaftsding. Ich gehe ganz gerne alleine und muß das auch, weil ich bei meinen häufigen Kinobesuchen oft auf die Schnelle niemanden finde, der Zeit und Lust hat, mich zu begleiten.

Wie bist du auf die Idee gekommen, Reviews über die Filme zu schreiben, die du dir ansiehst?

Letzten Sommer wurde ich gefragt, ob ich mir die Premierenvorstellung des französischen Films „Monsieur Claude und seine Töchter“ mit der Hörfilmbeschreibung über die App von Greta anschauen und anschließend darüber für das Magazin „Gegenwart“ einen Kinoerlebnisbericht schreiben wolle. Da habe ich natürlich keine Sekunde gezögert. Das Schreiben fiel mir leichter als gedacht und Spaß hat’s auch noch gemacht.

Eine Schulfreundin meinte, mach doch einfach einen Blog, such dir ein Thema und schreibe! Das Thema für den Blog lag auf der Hand! Nämlich der sehenden Welt zu zeigen, daß und wie Blinde Spaß am Kino haben, und Sehende wie Blinde mit meiner Kinobegeisterung ein wenig anzustecken.

An welche Zielgruppe richtet sich dein Blog?

Grundsätzlich freue ich mich über jeden, der mich auf meiner Seite besucht. Wenn ich nicht gerade im Kino sitze oder über einem Text brüte, versuche ich, Kontakte zu Blindenverbänden und anderen Institutionen aufzunehmen, um meinen Blog publik zu machen und Kinoblindgänger zu finden.

Genau so wichtig ist es mir, mit der Filmbranche, also den Verleihern, den Filmproduzenten und den Produzenten von Hörfilmbeschreibungen zu sprechen. Da ist die Freude immer groß, wenn sich die Zielgruppe der barrierefreien Filmfassung einmal persönlich zu Wort meldet.

Ich wurde schon mehrfach von Blinden angesprochen, die gerne einen Blog starten würden, aber nicht wissen, wie, und Angst vor der technischen Herausforderung haben. Wie hast du deinen Blog erstellt und wie gehst du mit der visuellen Gestaltung um?

Die technische Herausforderung war für mich kein Problem, weil ich mir von vornherein professionelle Hilfe gesucht habe. Alleine hätte ich das niemals hinbekommen.

Mir war es sehr wichtig, daß die Seite optisch ansprechend gestaltet ist. Dem Webdesigner habe ich ganz genau erzählt, was ich machen möchte und wen ich ansprechen will, und dann hat er ein tolles Ergebnis abgeliefert, das bekomme ich immer wieder zu hören. Zu blöd, daß ich meine toll gemachte Seite nicht sehen kann.

Die Artikel schreibe ich natürlich selbst ohne jegliche Hilfe im Schweiße meines Angesichts. Mein Partner hat dann reichlich zu tun, die Texte von meinen schrecklichen Rechtschreibfehlern und falsch gesetzten Satzzeichen zu befreien, und stellt die Artikel mit einem Foto in den Blog. Ganz ehrlich, alleine könnte ich das nicht.

Was für Feedback hast du bis jetzt bekommen?

Ein knallharter Gradmesser bezüglich der sogenannten Reichweite meines Blogs ist die Statistik über die Likes der Facebookseite „Kinoblindgaenger“, die Zahl der erreichten Personen meiner Beiträge und die der Abonnenten der Seite. Beides geht sehr langsam, dafür stetig bergauf, mühsam ernährt sich das Eichhörnchen!

Am meisten freue ich mich über Nachrichten, daß Kinoblindgänger besonders dank der App von Greta jetzt wieder oder überhaupt Spaß am Kino haben, oder wenn ich erfahre, daß ganz allgemein meine Artikel Lust auf den ein oder anderen Film gemacht haben.

Nach den ersten Wochen meiner Bloggerei wurde ich von mehreren Seiten freundlich angestupst, mich in meinen Artikeln intensiver mit der Qualität der Hörfilmbeschreibungen zu befassen. Diese Anstupser kamen völlig zu Recht, davor hatte ich mich nämlich ein bißchen gedrückt.

Der Blog hat mir auch schon Türen geöffnet. Ich durfte mehrmals bei der Aufnahme von Hörfilmbeschreibungen in einem Tonstudio dabei sein, bei der Redaktion einer Audiodeskription Mäuschen spielen und einem Filmteam am Set einen Besuch abstatten. Ich war im BFW in Halle und darf Anfang September in Leipzig bei der Zentralen Blindenhörbücherei meinen Blog und Greta vorstellen. Und dann köcheln da noch so einige andere Projekte vor sich hin.

Ein besonders tolles Feedback habe ich von euch bekommen! Seitdem sind wir in Kontakt und so ist ja auch dieses Interview zustande gekommen. Mir hat das Beantworten eurer Fragen viel Spaß gemacht, das war einmal etwas ganz anderes, als über Filme zu schreiben. Ich hoffe, eure Leser bekommen keinen Schreck über die vielen Seiten? Jetzt werfe ich den Ball zurück und werde mir Fragen überlegen, die ich euch über euren Blog stelle.

In diesem Sinne verabschiedet sich die Blindgängerin!

2 Kommentare

Eingeordnet unter Sonstiges

2 Antworten zu “Interview mit einer Kinoblindgängerin: Teil 2

  1. Pingback: Frage und Antwort | Blindgängerin

  2. Die im Interview erwähnte Höbücherei heißt korrekt deutsche Zentralbücherei für blinde zu Leipzig.

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