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Christian Ohrens – Blinder Foto und Video Blogger

In der Einleitung zu seinem Blog http://christian-ohrens.de erzählt Christian wie er auf die Idee kam zu fotografieren und zu filmen und wie seine Methode funktioniert:

Christian mit einem T-Shirt auf dem steht: Starrt mich nicht so an ... Ich bin doch bloß ein blinder Fotograf.

Warum ausgerechnet Fotos und Videos?

Während meines Studiums habe ich mich (fast ausschließlich) mit audiovisuellen Medien, vorrangig Film und Fernsehen, auseinandergesetzt. Hieraus entstand die Idee, einmal selbst etwas zu filmen, ob nun einen Ort, ein Interview oder was auch immer. Blinde, die sich begleiten und filmen lassen, gab es in der Vergangenheit bereits. Ich wollte selber die Kamera halten und führen; quasi als blinder Regisseur meines eigenen Filmes.

Was das Fotografieren angeht, so entstand die Idee kurz vor meiner letzten Reise. Warum immer nur in Worten beschreiben, was man erlebt hat, gerade, wenn ein Großteil des Freundeskreises sehend ist? Warum soll ich nicht auch, als Blinder, Urlaubsfotos mit nach Hause bringen? Und könnte es nicht interessant sein, wenn man frei nach Gefühl fotografiert, anstatt sich von dem leiten zu lassen, was alle fotografieren?

Wie filmst und fotografierst du?

Beim Fotografieren und Filmen orientiere ich mich stets an Beschreibungen von Passanten, an Geräuschen oder aber auch örtlichen Gegebenheiten (Treppen, Eingänge, Häuserwände etc.). Ich lasse mir meine Umgebung beschreiben, erkunde auf eigene Faust Orte und entscheide so, ob ein Platz/ein Ort/ein Gegenstand für mich interessant ist oder nicht.

Christian geht es nicht um perfekte und gezielte Fotografien. Seine Arbeit ist ein Experiment das oft von Zufallsaufnahmen lebt. Insbesondere durch die Kommentare in den Videos bekommt der Betrachter einen authentischen Einblick der gefilmten Orte und kann vergleichen was zu hören und zu sehen ist.

Woraus besteht deine Ausrüstung?

Ich nutze eine Exilim von Casio, da sie einige gute Automatismen bzgl der Schräglagenkorrektur und Beleuchtung bietet und vor allem klein und handlich ist. Für Videos habe ich mir zusätzlich vor kurzem eine Sony SDR-AS15 angeschafft, das ist eine Action-Camera, die sich jedoch super auf ein Handstativ schrauben lässt.

Wie reagieren Passanten auf dich?

Viele, vor allem sehende, Menschen verstehen nicht, warum ein Blinder fotografiert oder filmt. Sie können und wollen sich auch zum Teil nicht mit so einer Situation auseinandersetzen, weil es für sie schlicht weg keinen Sinn ergibt und, auf dem ersten Blick, nur wie unnütze Knipserei aussieht.

Bei Anderen wiederum wird sogleich das Helfer-Syndrom geweckt. Eigentlich nicht schlimm, würden manche nicht sogleich das Kommando der Kamera übernehmen und ein aus ihrer Sicht besseres Foto schießen wollen. Dies führte in der Vergangenheit schon dazu, dass Passanten auf der Straße mir die Kamera aus der Hand nehmen, oder zumindest mit mir gemeinsam die Kamera richtig führen wollten.

„Vorsicht … Blinder Fotograf!“

Um diese ‚Eingriffe‘ zu verhindern, aber auch um ein wenig die Neugier für das ‚Neue‘ zu wecken, entschied ich mich in diesem Jahr, bei meinen Foto- und Videotouren ein T-Shirt zu tragen: „Starrt mich nicht so an… Ich bin doch bloß ein blinder Fotograf“. Diese Verharmlosung, die eher einen Scherz vermuten lässt, bringt jedoch die Sache kurz und knackig auf den Punkt: Wir sind ’nur‘ blind, haben aber die gleichen Interessen wie Ihr. Wir belächeln Euch ja auch nicht, wenn Ihr mal Hörspiele hört oder produziert. Sie enthalten ja auch schließlich nichts fürs geliebte Auge…

Hast du die Fotos auf deinem Blog alle selbst gemacht?

Ca. 80% meiner hier gezeigten Filme und Fotos sind wirklich von mir geschossen worden. Dies bedeutet auch, dass ich mir zwar von anderen Passanten bzw. Besuchern beschreiben ließ, was sich in meiner unmittelbaren Umgebung befand, jedoch ließ ich mich selten beim Fotografieren führen, geschweige denn habe die Kamera aus der Hand gegeben. Letzteres machen die übrigen 20% meiner Fotos aus.

Die Bilder sind so, wie sie sind: Originale. Unbearbeitet, unselektiert. Selbst wenn ein Bild zehnmal aufgenommen wurde, selbst wenn es verruckelt ist oder die Kamera schief gehalten wurde, selbst wenn nur eine weiße Wand (anstatt des ganzen Raumes) aufgenommen wurde. Viele der Bilder hätte der Sehende sicherlich aussortiert. Aber genau darin liegt ja gerade der Sinn meines Experiments.

Einige von Christians Projekten:

Christians Foto –und Video Touren führten ihn bis jetzt unter anderem nach Trier, Köln, München, Recklinghausen, Marburg, Skandinavien und sogar Jekaterinburg in Russland. Er arbeitet auch als DJ und Radio Moderator. Mehr Infos findet ihr auf seiner Homepage und seinem YouTube Kanal.

Zitate und Foto: http://christian-ohrens.de/bilder/ sowie E-Mails.

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Silja und Sandra im Schloß Charlottenburg

STATUS: SCHON BESCHRIEBEN

Noch ein Bild aus unserem Fotoseminar für Blinde im Schloß Charlottenburg. Von Silja:

Eine Fotografin mit Sonnenbrille, eine zweite die ihr beim Fotografieren über die Schulter schaut

Beschrieben von Katrin Heidorn

Ein Doppel- bis fünffach-Portrait im Spiegel. Nicht sehr viel Licht. Ein Querformat mit zwei Hauptpersonen in der Mitte des Bildes. Die Fotografin hält die Kamera mit beiden Händen auf einen Spiegel. Sie hat nackenlange, rötliche Haare mit Pony in der Stirn und trägt eine schwarze ovale Sonnenbrille. Sie hält die kleine Kamera vor sich, so dass wir ihren Mund nicht sehen. Ganz dicht neben ihr über ihre Schulter links im Bild schaut eine zweite Frau mit kurzen Haaren und dunklem Pony aufmerksam auf das Display der Kamera. Sie trägt eine Art Trainigsjacke mit blauem und weissem Streifen quer an der Schulter. Die Fotografin trägt einen Schwarzen Pullover mit grauem Muster. Im Vordergrund läuft ein undeutlicher heller Strich quer über den Spiegel. Die Fotografin  hat die Waage nicht ganz erwischt und er läuft etwa um zehn Grad nach links gekippt.

Das gilt auch für die Gemälde, die wir hinter den beiden Frauen an einer Wand hängen sehen. Die Wand ist mit rot-gold gemustertem Stoff bezogen und die Gemälde haben leuchtend goldene Rahmen. Es sind drei Hochformate. Portraits wichtiger Personen aus dem achtzehnten Jahrhundert, schätze ich. Das Bild in der Mitte ist etwas größer und zeigt einen stehenden Mann mit einem roten Mantel über dem ausgstreckten Arm. Er trägt Pluderhosen, ein enges Gewand und eine goldene Schärpe. Auf dem Gemälde links ein Mann, sitzend mit einem überbreiten Kragen aus weissem Pelz. Auf der rechten Seite das Gemälde einer Frau. Sitzend mit großem Dekolleté und rotem Mantel über dem grauen Kleid. Unter den Gemälden eine Wand mit halbhoher Holztäfelung. Davor zwei Stühle mit hoher Lehne, reich verziert. Links hinter den Frauen betrachten zwei Besucher mit Kopfhörern die Gemälde. Wir sehen die Hinterköpfe und die schwarze Jacke des Mannes links. Die Frau hat blonde, zusammengebundene Haare. Ganz rechts im Bild sehen wir noch den senkrechten Rand des Spiegels. Weil er am Rand eine geschiffene Facette hat, verzerrt er das Bild einer Besucherin, die nicht ganz im Bild ist. Wir sehen ihre gefalteten Hände und ein Stück leuchtend grüne Bluse mit grauer Jacke darüber. Ihr Gesicht ist zu sehen wie der abnehmende Mond am dritten Tag vor Neumond. Dann kommt noch ein Streifen Stofftapete und dann der schwarze Spiegelrahmen. Unten an der Ecke ist er leicht verschnörkelt geschnitzt. Wie übrigens auch der Rahmen des Frauenportraits. Die der Herren sind schlicht gold.

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Selbstportrait im Spiegel von Katrin

An diesem eher düsteren und kalten Novembertag besuchten wir mit dem
Fotoseminar das Schloss Charlottenburg. Meine beiden Beschreiber
schafften es auf eine ganz wunderbare Art und Weise, mich für die
ausgestellten Dinge im Erdgeschoss zu faszinieren. Immer wieder trafen
wir auf Spiegel mit verschnörkeltem Rahmen. So etwas finde ich einfach
schön, deshalb machte ich einige Fotos davon. Dass ich bei einem davon
mich selbst im Spiegelbild eingefangen habe, wurde mir erst später
klar, als ich mit einer Assistentin ein Bild für den Blog auswählen
wollte. Sie war wirklich begeistert davon und so dachte ich, es wäre
spannend, eine genauere Beschreibung davon zu bekommen. Ganz vage habe
ich von früher noch eine Erinnerung davon, mich im Spiegel gesehen zu
haben und so frage ich mich, ob diese Beschreibung meine Erinnerung
vielleicht auffrischen könnte. Außerdem haben Spiegel ja in unserer
Gesellschaft eine durchaus wichtige Funktion: Ob nun im Märchen von
Schneewittchen, wo die eitle Königin von ihrem Spiegel hören will, sie
sei die Schönste im ganzen Land, der Spiegel aber behauptet, ihre
Stieftochter wäre die Schönste – eine zentrale Szene und der Anstoß
für die weitere Entwicklung des Märchens. Oder die Tatsache, dass
viele Menschen sich in einem Spiegel ansehen, um festzustellen, ob sie
gesellschaftlich akzeptabel aussehen – was immer das sein soll – oder
um sich zu schminken, d.h. ihr Gesicht zu verändern, zu verschönern
oder sich eine schützende Maske aufzumalen. Oder sei es im
übertragenen Sinne ein Spiegel des Verhaltens und ein Abgleich von
Selbst- und Fremdwahrnehmung, also ein Bild, das im übertragenen Sinne
den Spiegel der Gesellschaft darstellt. Wobei dann die Frage offen
bleibt, ob man selbst sich in der Gesellschaft oder die Gesellschaft
sich in einem selbst (wider-)spiegelt. Oder ob man vom Spiegel der
Projektionen spricht, also davon, dass man das, was man in anderen
sieht, in sich selbst trägt, ob nun im positiven oder negativen Sinn.
Oder man meint den Selbstreflexionsspiegel, der zwar teilweise extrem
grausam ist, aber auch sehr nützlich und hilfreich sein und den
Spiegel – oder besser die Spiegel, das Spiegelkabinett – der
Projektionen langsam ablösen kann, so dass man im Idealfall zu einem
harmonischeren Verhältnis zu sich selbst und anderen findet. Mein
Lieblingsbild in dieser Hinsicht ist der sich in einem spiegelglatten
See oder dem ruhigen Meer spiegelnde Sternenhimmel, der das Prinzip
„Wie oben, so unten“, also das ganzheitliche Weltbild schlechthin, am
treffendsten darstellt.

Ich finde es interessant, dass ein und derselbe Gegenstand so viele
und vielschichtige Interpretationen und Assoziationen ermöglicht. Mir
persönlich ist letztere Sicht am liebsten: Der Sternenhimmel, der sich
im Wasser spiegelt, so dass man nicht mehr so recht weiß, was oben und
was unten ist oder was die Wirklichkeit darstellt. Wenn man sowohl mit
seinem Äußeren als auch dem Inneren oder dem Selbst- und Fremdbild im
Reinen ist und sich in einer harmonischen Ganzheit bewegt, braucht man
auch das reale Spiegelbild nicht zu fürchten. Obwohl man ja oft gar
nicht weiß, was für ein Bild im gesellschaftlichen Spiegel ankommt.
Denn hier habe ich ja auch erst im Nachhinein bemerkt, dass ich mich
im Spiegel spiegele und mich dabei fotografiert habe, wie ich mich
spiegele und mich selbst fotografiere. Es ist also im Prinzip eine
andere Form des sich selbst umschließenden Ineinanderfließens
verschiedener Elemente. Ursprünglich wollte ich nur den Spiegel
fotografieren und habe an die Spiegelung gar keinen Gedanken
verschwendet. Das ist auch oft im realen Leben so: Man tut oder sagt
etwas und merkt gar nicht, wie es auf andere wirkt oder denkt auch
nicht darüber nach. Wenn man dies stets täte und verkrampft darüber
nachdächte, wie das, was man gerade tut, aufgenommen wird, könnte man
gar nichts mehr tun oder sagen. Unterschwellig ist dieser Gedanke aber
natürlich trotzdem da und man denkt oder tut etwas in dieser oder
jener Weise, weil man erwartet, dass es auf eine bestimmte Art und
Weise wahrgenommen wird. Ich denke, egal in welcher Form man sich
spiegelt oder sich etwas in einem selbst spiegelt – man sollte mit dem
Bild rechnen und es akzeptieren. Einerseits hat man sowieso keine
andere Wahl, andererseits aber auch die Möglichkeit, sich darüber
hinwegzusetzen. Ich als blinde Fotografin erfülle durch meine
Fotografie ganz bestimmt keine gesellschaftlichen Erwartungen, eher
das Gegenteil. Aber so, wie der Spiegel immer beide Seiten zeigt, das
sich in ihm Spiegelnde und das, was der sich Spiegelnde wahrnimmt, so
gibt es auch für die Fotografie den Austausch zwischen zwei Seiten
oder zwei verschiedenen Wahrnehmungsebenen: Durch meine Fotografie
kann ich einerseits durch die Nachfragen von sehenden Menschen dazu,
was mir das überhaupt bringt, erklären, wie meine Welt der Wahrnehmung
aussieht. Oder ich fotografiere etwas, das ich direkt wahrnehmen, z.B.
ertasten kann. Auf der anderen Seite erfahre ich durch die
Beschreibungen etliches über das Sehen und gewinne dadurch erneut
Zugang zu einem Teil meiner bisher verschütteten Erinnerungen an das,
was ich früher visuell wahrgenommen habe. Anfangs war das zwar sehr
schmerzlich, weil für mich klar ist, dass diese Zeit vorbei ist und
diese Möglichkeiten nicht mehr existieren. Aber inzwischen betrachte
ich es als Bereicherung, als Chance der gegenseitigen Befruchtung und
als mögliche Verschleierung von der angeblich so scharfen Grenze
zwischen sehend und nicht sehend. Denn oft ist es mir schon passiert,
dass sehende Beschreiber/innen durch meine Nachfragen auf den Fotos
etwas bemerkt haben, was ihnen sonst entgangen wäre, weil sie es nur
unbewusst oder gar nicht wahrnehmen. Und ich selbst bekomme
Informationen über meine Umgebung, die ich sonst nicht erfassen
könnte. So könnte man die Frage „Spiegelt sich die Gesellschaft in mir
oder spiegele ich mich in der Gesellschaft?“ umformen zu: „Was sehe
ich, wenn ich nicht sehe und was sehe ich nicht, wenn ich sehe?“ Bzw.:
„Wie kann man durch den Perspektivwechsel etwas erfahren, das sonst
nicht möglich wäre?“ Und: „Ist die Grenze zwischen Sehen und Nicht
sehen können wirklich so scharf, wie man allgemein annimmt? Wo liegt
diese Grenze überhaupt genau? Können wir das wirklich sagen? Ist das
wichtig?“ So kann man sozusagen auf beiden Seiten eine Hand durch den
Schleier stecken und sich gegenseitig mit neuen Eindrücken bereichern.
Was steckt hinter dem Schleier, dem Spiegel der anderen Seite?

Ein mann und eine Frau fotografieren in einen alten Spiegel

Bildbeschreibung von Rainer Komers:

Die Fotografin (Jeans, hellblaues Hemd, darüber geöffnete Sommerjacke in Pink, um den Hals eine Schmuckkette und an einem Band das graue Etui für den Fotoapparat, unter den rechten Arm einen Stock geklemmt, einen Schirm vielleicht) über ihre linke Schulter gebeugt ein weibliches Gesicht, dunkles Brillengestell, das brünette Haar schräg über die Stirn gelegt, mit Blick nach unten, ihre Lippen geschlossen, als hätte sie gerade etwas gesagt oder erklärt über das allseits ausgestellte Porzellan (Tassen, Schalen, Becher, Kannen mit überwiegend pflanzlichen Motiven, überwiegend in Preußischblau bemalt, rechts und links und unterhalb eines Spiegels auf gedrechselten Podestchen platziert, aber auch hinter der Fotografin in einem Spiegelsaal, überladen mit goldenem Stuck und weiteren in Goldrahmen gefassten Spiegeln, zwischen und unterhalb von Kapitellen gehängt und gestellt und im Spiegel sichtbar).
Doch nun zu dem Spiegelmöbel, vor dem die Fotografin mit ihrer Begleiterin haltgemacht und das Bild gemacht hat, den Augenblick eines Besuchs (man sieht noch andere BesucherInnen gespiegelt rechts und links von ihr, ein junger Mann fotografiert ebenfalls, bedeckt sein Gesicht gerade mit der Kamera) festgehalten hat und sich spiegelt. Nicht nur das Bild der Fotografin zeigt einen Ausschnitt, auch der Spiegel im Bild und der im Spiegel gespiegelte Spiegel rechts hinter ihr (oder ist es die Tür zu einem weiteren Spiegelsaal, vollgestopft mit weiteren Porzellan, einer hölzernen Standuhr?) zeigen jeweils Ausschnitte. Also endlich zum Spiegelschränkchen selbst, dem direkten Objekt der Fotografin. Auch von ihm sehen wir nur einen Ausschnitt, denn das obere Ende von Schrank und Spiegel ist abgeschnitten, in dem sich ein Deckengemälde spiegelt, ein antiker Portikus unter Sommerwolken, im Vordergrund eine halbnackte weibliche Figur, deren Vorderteil ein rötliches Tuch bedeckt, das dann weiter über ihre rechte Elle fällt. Unterhalb des Schrankspiegels zeigt ein Gemälde, eingefasst von einem schmalen Goldrahmen, den Blick auf eine bukolische, chinesisch oder japanisch anmutende Hügellandschaft, beherrscht von einer überlebensgroßen in eine Art Kimono gekleideten Frau und einem ebenfalls überlebensgroßen, fasanenartigen, dunklen Vogel. Das schmale, aus verschiedenfarbigen Hölzern zusammengeleimte Schränkchen zur Zurschaustellung von wertvollem Porzellan und zur Spiegelung der offenbar steinreichen Besitzer des historischen Ambientes und Mobiliars (18. Jahrhundert?) ist abgestellt vor einem bis auf den Boden reichenden und von einer transparenten Gaze abgedeckten Sprossenfenster. Ein Absperrseil soll Besucher daran hindern, weiter als bis zu diesem Spiegelschrank zu gehen, und ein moderner Heizkörper am linken unteren Bildrand ist ein weiteres Indiz für Modernes.

Der eigene Blick in den Spiegel ist immer subjektiv und immer spiegelverkehrt: Wie wirke ich auf mich, auf die Anderen in dieser verkehrten Welt? Die Fotografin auf unserem Bild blickt nach links unten, nicht direkt in den Spiegel. Einerseits scheint sie den Worten oder Erklärungen der über sie gebeugten Person zu lauschen, andererseits konzentriert sie sich auf das Auslösen des Fotoapparats, den sie perfekt zum Objekt und nur leicht in der Vertikale gewinkelt in den Fingerspitzen hält. Die intime Nähe der beiden Köpfe, des sprechenden und des zuhörenden, nachdenkenden und sich konzentrierenden, dominieren die Figurenkomposition und erinnern entfernt an klerikale Darstellungen in katholischen Kirchen. Offenbar verlangt die Übertragung des Gehörten von der Zuhörerin eine gewisse Anstrengung, ihr Gesicht und ihre Körperhaltung wirken angespannt, im Gegensatz zur von hinten über sie gebeugten Person, die eine gelassene Ruhe ausstrahlt, als wolle sie sagen: Mach dir keine Sorgen, es ist alles in Ordnung. Diese Person blickt, anders als die Fotografin, geradeaus nach unten auf die unterhalb des Spiegels goldgefasste Landschaft, als wolle sie die Geschichte, die das Bild erzählt, nacherzählen und Auskunft geben über Geschichte, Machart und Qualität des Bildes selbst.

Und dann gibt es noch den, der dieses durch die Netzübertragung verpixelte, und dadurch in den Details kaum erkennbare Bild beschreibt, es erst nach einer zweiten Aufforderung beschreibt, weil ihm zwar die Fotografin als Schreiberin und Diskutantin über ihre und seine Texte vertraut ist (obwohl beide sich physisch noch nie begegnet sind), andererseits ihn das vor der Kamera befindliche historische Möbel und das in seinem Spiegel abgebildete ‚orientalisch’ überfrachtete Inventar auf den ersten Blick abgeschreckt haben – ja, ‚auf den ersten Blick’, den meist flüchtigen, angesichts der Überfülle des täglich visuell zu verarbeitenden Materials auch abwehrenden Blick: „Nicht schon wieder, wie soll ich das schaffen, mich auch noch auf dieses Bild zu konzentrieren, habe ich denn nicht schon alle und alles gesehen?“ Und er fragt sich weiter, wie hat sich die Fotografin im Moment des Auslösens der Kamera gefühlt? Statt verbalen Erklärungen zu lauschen und sich daraus ein Bild zu machen, hätte sie nicht viel mehr über die hier beschriebenen Gegenstände erfahren, wenn sie die hätte berühren, ertasten können, aber das nicht hat machen können, weil das Besuchern eines Museums mit seinen wertvollen, unersetzlichen Exponaten grundsätzlich verwehrt ist? Ein Bild hat die Chance, dem Raster des Vergessens zu entkommen und nicht hindurchzufallen, wenn es eine Gestalt hat. Die Gestalt des hier beschrieben Bildes, unabhängig von meiner Beziehung zur Fotografin, beruht auf der offenbaren Unvereinbarkeit der in ihm abgebildeten Gegensätze: des feudal durch Ausbeutung zusammengerafften, der Neugier der Nachgeborenen zur Schau gestellten prunkvollen Besitzes und der demokratisch anmutenden, dank moderner Färbungstechniken ‚bunten’ Protagonistin im Zentrum des Bildes. Wie die Kommunikation zwischen diesen Gegensätzen verläuft, verlaufen könnte, wird im Foto nur angedeutet. Ihre Geschichte zu weiter zu erzählen, sie auszumalen, auszuschmücken, das wäre eine Bildbeschreibung jenseits von Dokumentarpixeln – und an diesem Punkt überlasse ich Dir das Feld, Katrin, Schreiberin und Fotografin, um unser Wort- und Spiegelbild fortzuschreiben, weiter zu malen, weiter zu spinnen.

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New York – der Blick in die Tiefe

Liebe Bildbeschreiber,

ich war mit meiner Tochter in New York! Sie hat sehr viel fotografiert. Darf ich euch einige Bilder schicken? Es war eine tolle Reise!

Susanne

Blick von einem Wolkenkratzer in Manhattan auf die umliegenden Dächer

Und hier nun die Beschreibung von Angelina:

Das Foto ist in Farbe abgelichtet. Zusammengefasst kann ich über das Bild sagen, dass es aus der Perspektive von extrem hoch oben, vermutlich einem Hochhaus, eine Vielzahl von Hochhäusern, Straßen und Autos zeigt. Des Titels nach schlussfolgernd handelt es sich hierbei um einen Foto-Ausschnitt aus der Stadt New York.

Die Aufnahme wurde tagsüber gemacht, ich stelle mir beim Betrachten des Bildes vor, ich würde ganz nah an einer riesigen Fensterscheibe stehen oder auf einer Aussichtsplattform, von welcher ich hinunter und nach vorne schaue. Dabei kann ich erkennen, wie die Sonne ihr helles Licht auf die vielen Hochhäuser wirft und gleichzeitig auch Schatten bildet. Insgesamt überwiegt die Sonne. Der Schatten wird gebildet durch ein enorm großes Hochhaus, welches der Sonne im Weg zu stehen scheint. Der Schatten dieses Hochhaus zeichnet sich auf den Dächern der anderen Gebäude ab, und zwar im linken unteren Viertel des Bildes. Durch die Perspektive und den Ausschnitt des Fotos wirkt der Schatten wie ein dunkles gleichschenkeliges Dreieck, welches sich über die linke Ecke erstreckt.

Durch eine sehr große und breite Straße auf dem Bild lässt sich dieses optisch in Drittel aufteilen. Stell dir vor, du ziehst eine vertikale Linie und teilst damit die linke Seite des Bildes in zwei Drittel auf und die rechte Seite in ein Drittel. Auf der Linie befindet sich die Straße. Die Straße hat keineerlei Kurven und es lassen sich überwiegend orange-gelbe Taxis auf der Straße erkennen. New York ist bekannt dafür, dass die Taxis eine extrem auffällige Farbe haben.
Die Farbe der Taxis ähnelt meiner Meinung nach sehr der Farbe von Orangen-Früchten, nur, dass man noch ein paar Teile gelb hinzugefügt hat – einGelb wie von Sonnenblumenblüten.
Vereinzelt kann man auf der Straße auch weiße Autos erkennen, andere Autos fallen nur wenig oder gar nicht auf.
Ebenso sehe ich auf der Straße im unteren Bildbereich drei Zebrastreifen.
Als Anhaltspunkt für die Perspektive der Aufnahme hilft es dir vielleicht wenn ich dir die Größe der Autos auf der Straße beschreibe: Stell dir vor, du brichts von einem angespitzten Bleistift vorne die Mine ab – diese würde in etwa der Größe eines Autos entsprechen.

Gehen wir in der Beschreibung auf die linken zwei Drittel über: Dort sind verschiedene Hochhäuser zu erkennen. Sie alle haben Fassaden aus hellen und sehr sandigen oder erdigen Farb-Tönen. Der Blick ist überwiegend auf die Dächer der Häuser gerichtet. Darauf sind meistens Lüftungsverntilator-Systeme zu erkennen und runde Kreise. Ich vermute, dass es sich auch hier bei den Kreisen umd eine Art Lüftung oder „Schornstein“ handelt.
Würde ich in das Bild horizontale Linien zwischen den Häuserreihen ziehen, ergeben sich vier voll erkennbare Hochhäuser-Reihen. Die fünfte horizontale Hochhausreihe ist schon nicht mehr ganz im oberen Fotobereich zu erkennen.

Ein Hochhaus fällt ganz besonders auf. Es befindet sich in der dritten Häuserreihe von unten. Dabei grenzt es genau an meiner beschriebenen vertikal verlaufenden Straße. Es ist so extrem hoch, dass man auf dem Bild nicht mehr das Dach oder die Spitze erkennen kann. Die vielen Glasfenster in diesem Wolkenkratzer reflektieren das Sonnenlicht sehr stark, so dass das untere Drittel des zu sehenenden Wolkenkratzers ganz besonders hell erscheint.

Auch im rechten Drittel, rechts neben der vertikal verlaufenden großen Straße sind Hochhäuser zu sehen. Auf der Höhe des vorhin beschriebenen Wolkenkratzers ist das Dach des Hauses auffällig, denn ein Teil davon ist kaminrot. Der rote Teil sieht aus wie ein großes L, welches nicht mehr in der aufrechten Position ist, sondern nach rechts übergekippt.
Ein weiterer auffälliger Farbklecks ist noch in der zweiten Häuserreihe von unten zu sehen. Auf der Horizontalen, ganz links, das erste Haus, welches in der zweiten Reihe vollständig zu sehen ist: Da ist ein Teil des Daches im strahlenden Kirsch-Rot gehalten. Die Form dieses Teiles des Daches sieht für mich aus, als ob man ein großes H von oben und unten extrem zusammengedrückt hätte, so dass das H eher in die Breite als in die Höhe ginge.

Dadurch dass die Häuser alle überwiegend in Naturfarben bebaut und gestrichen sind, wirkt das ganze Bild sehr homogen. Vielleicht auch deshalb, weil sich viele imaginäre parallele und rechtwinkelige Linien bilden lassen. Fast schon hat es den Anschein einer Symmetrie.

Vielleicht hat ja noch die ein oder andere Person eine Ergänzung zu dem Bild oder noch ein paar Fragen, so dass man meine Bildbeschreibung vervollständigen kann.

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Das Tafelsilber im Schloß Charlottenburg von Lutz Niestrat

Dieses Bild ist bei unserem Fotoseminar für Blinde im Schloß Charlottenburg in Berlin entstanden:

Eine langgestreckte hell erleuchtete Vitrine mit Silbergeschirr in einem ansonsten abgedunkelten Raum

Beschreibung von Katrin Heidorn

Das erste, was das Auge wahrnimmt, ist Glanz. Ganz viel silbriger Glanz von allen Seiten, aber vor allem im Vordergrund. Ich bin fast geblendet. Dann Orientierung und Verwunderung: Das Foto im Hochformat scheint ein Schwarz-Weiss-Foto zu sein. Keine Farben, nur Silber, Grau und Weiss, ein bisschen Schwarz. Doch was sehen wir? Einen Tunnel aus Glas und Spiegeln, leicht aus der Senkrechten nach rechts gekippt. Viele gerade Linien, die in die Tiefe laufen. Sehr viele Spiegelungen. Eine Ausstellungsvitrine von der Schmalseite gesehen. Auf der Fläche , die direkt am unteren Rand beginnt, ein kompletter Satz silbernes Tafelgeschirr für zwölf Personen auf weissem Tuch. In der Mitte, symmetrisch angeordnet ungefähr zehn bis fünfzehn große Terrinen mit verzierten, runden Deckeln. Zwischen ihnen verschnörkelte Kerzenleuchter -natürlich Silber, aber ohne Kerzen. An beiden Seiten, in exaktem Abstand aufgereiht, flache silberne Teller. Neben jedem Teller noch ein einfacher silberner Kerzenleuchter ohne Kerze. Ein gedeckter Tisch.  Der aber wird von den kleinen, aber zahlreichen Leuchten über der Vitrine so hell angestrahlt, dass die starken Reflexe es fast unmöglich machen, Einzelheiten zu erkennen. Aber da kommt Hilfe: den ganzen Tisch gibt es noch einmal als Spiegelung an der Glasabdekung der Vitrine. So schwebt das ganze Service in zarten Grautönen mit schwächeren Reflexen über den Köpfen. Sogar mehrfach. Dazwischen wie Perlenketten die Reihen von Leuchten. Auf der rechten Seite noch einmal eine Spiegelung des Tisches an der Wand der Vitrine. Alle Linien laufen perspektivisch auf das graue Rechteck am Ende der Vitrine zu. Und da sind sie auch zu sehen, als Spiegelung. Wie in einem Bilderrahmen: Der Fotograf und sein Assistent. Der Fotograf konzentriert, leicht nach links gebückt, mit der Pocketkamera am Auge. Kurzes, schwarzes Haar und  grauer Pullover. Links daneben steht, mit dem Blick zu uns, sein Begleiter mit dunkler Jacke und schwarz-grauem Haar. Er hält den weissen Stock in der Hand. Als hätten sie gewusst, dass dieses Bild keine Farben verträgt, sind sie perfekt passend gekleidet. Hinter ihnen ein Stück graue Wand. Links und rechts in genau gleichem Abstand je ein Regal mit grauem Rahmen. In diesen Regalen gibt es mehr Geschirr. Links zwei Porzellanterrinen oben, zwei Teller unten. Rechts oben zwei Teller und unten bauchige Deckel von irgendwas. Auf der rechten Seite verwirren nämlich die Spiegelungen der Vitrine das Auge. So schiebt sich  von dort ein weiterer Besucher ins Bild. Der ist aber nur halb zu sehen und ausserdem überdeckt von der Spiegelung der Hand des Fotografen. Hinter ihm noch einmal die Figur des Begleiters und das erste Regal. Er ist quasi umzingelt. Die Hand wird genau auf seine Wange reflektiert. Es sieht aus, als würde er gestreichelt. Hinter den Regalen schließlich ahnt man die durch helle Rollos abgedekten Fenster des Schlosses. Zu sehen sind nur die Fensterkreuze, die das Liniengewirr perfekt machen. Ein vielschichtiges Bild fürwahr. Aber schwarz-weiss ist es nicht. Wer genau hinsieht, entdeckt den zarten Hautton der beiden Gesichter.

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Noch eine schöne Szene aus unserem Fotoseminar für Blinde

feat. Katrin und Fränz vor dem Eingang der Villa Oppenheim in Berlin-Charlottenburg, wo unser Seminar wirklich auf das allerfreundlichste empfangen wurde. Katrin fotografiert und Fränz assistiert ihr, in dem er ihr das entstandene Bild auf dem Display der Kamera beschreibt. http://www.youtube.com/watch?v=v06DfOuKZaM Das Video ist von Sandra.

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Hausboot im Treptower Hafen

Ein blaues Hausboot

Bild von Marianne, Beschreibung von Sandra

Das horizontal fotografierte Bild erzählt den Betrachter_innen von einer alternativen Lebensform und von Hausbootromantik. Im Zentrum des Bildes ist eines der im Treptower Hafen liegenden Wohnschiffe zu sehen. Im oberen Bilddrittel zeichnen sich feine Konturen weißer Wolken ab; hier und da schimmert zartes Blau durch die helle Wolkendecke. Das Wasser ist in Bewegung, wodurch die Spiegelung des Hausbootes im unteren Drittel des Bildes sich etwas verschwommen abzeichnet. Links unten im Eck verläuft eine Rosenhecke mit weißen Knospen bis zur Mitte des unteren Bildrands und lässt so das Flussufer ausmachen. Dass in hellem Blau gestrichene Hausboot mit seinen ca. 20 Metern Länge, zieht sich mit kleinem Abstand zum linken und rechten Bildrand über die waagrechte Bildachse; Heck und Seite sind zu sehen, während der Bug zur Spreemitte zeigt. Das Heck des Bootes ist überdacht, ein Fahrrad scheint unter dem Dach zu schweben; drei weitere parken vor den zwei „Haustüren“. An der Bordwandseite befinden sich insgesamt sieben Fenster. Die zwei Fenster auf der höheren Bootsmitte sind größer, tragen oben einen Rundbogen und sind durch ein Fensterkreuz in zwei kleine und zwei große Fensterflügel aufgeteilt.
Auf der Überdachung des Hecks beginnt der Dachgarten mit mediterranem Flair. Es sind zwei Körbe mit roten Blumen zu sehen – womöglich Geranien. Daneben ist ein weißer Kübel, der mit einer Zucchinipflanze bepflanzt scheint. In einem Tontopf daneben dürfte Rosmarin wachsen. Das Flachdach des Hausbootes erscheint wie eine riesige Dachterrasse auf drei Ebenen; die Ebene der Bootsmitte liegt höher. Auf der Ebene die direkt an die Überdachung des Hecks anschließt, sind wiederum viele Töpfe mit unterschiedlichen Pflanzen zu sehen. Ein großer Oleander und ein Jasmin dürften darunter sein. Die Dachterrassenebene auf der Bugseite ist mit einer Solaranlage überdacht. Eine Lichterkette mit bunten Kugeln zieht sich an den Seiten des Daches entlang. Eine blau gestrichene Bank und eine Pflanze in einem Tontopf – womöglich ein Kirschlorbeerstrauch – sind zu erkennen. Am Sicherheitsgeländer lassen sich gerade ein paar Kleidungsstücke von der Sonne trocknen und an einer der Dachstützen scheint eine Kapuzinerkresse zum Dach hoch zu klettern. Obgleich der Einblick auf diese Dachseite des Bootes sehr gering ist, ist nicht schwer zu erahnen wie bezaubernd dieser Ort zum Beispiel in einer lauen Sommernacht sein mag. Von einem Leben auf dem Wasser wird vielleicht nicht Jede_r träumen; dass diese Lebensform von einer besonderen Romantik erzählt, dürfte jedoch bei vielen Betrachter_innen dieses Bildes angekommen sein.

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