Eine Blinde Kunstfotografin erzählt: Teil 5.2 Allgemeine Tipps zur Portraitfotografie

Die verschiedenen Einteilungsmöglichkeiten von Portraitfotografie die ich in meinem letzten Post vorgestellt habe, sehen jetzt natürlich nach einem riesigen Sortiment aus, das man quasi auswendig lernen muss, aber so extrem ist es wirklich nicht, und einige von euch machen einige von diesen Dingen schon intuitiv. Hier aber vielleicht noch mal ein paar kleine Tipps, die für schöne Portraitaufnahmen helfen.

1. Hintergrund

Wie schon erwähnt gibts sowohl die Möglichkeit, den Hintergrund mit einzubeziehen, als auch die, sich wirklich nur auf die Person zu konzentrieren. Wichtig ist aber auch beim Umgebungsportrait, dass in der Szenerie nicht zu viele andere Menschen zu sehen sind. Die eher klein dargestellte Hauptperson verschwindet damit fast, und das Auge des Betrachters wird all zu schnell umgelenkt. Für Umgebungsportraits eignen sich hervorragend Naturkulissen, Bauwerke oder auch Kunstwerke wie z.B. Statuen. Möchte ich doch eine belebtere Situation mit anderen Menschen, sollte mein Portraitobjekt größer als die umgebenden Menschen dargestellt sein.

2. Fokus

Der Fokus spielt nicht nur in den näheren Aufnahmen eine wichtige Rolle. Gerade bei Umgebungsportraits misslingt mir das Bild ganz zügig, wenn mein Hauptmotiv aus dem Fokus gerutscht ist, irgendwo am Bildrand oder in einer Ecke landet. Die Person soll der Blickfang im Bild sein, und das Auge findet so keinen Fixpunkt. Wenn der Betrachter weiß, wer die fotografierte Person ist, geht das noch. Schaut sich jemand das Foto an, ohne das Hauptmotiv zu kennen, ist er dann visuell mal schnell ratlos. Sind zu viele Dinge auf dem Foto zu sehen, sortiert das Gehirn nicht so recht nach relevanten und unrelevanten Bildkomponenten. Der Blick richtet sich von vornherein erst mal dorthin, wo man das Motiv bei einem Foto vermutet, genau mittig.

Am Besten kann man sich natürlich nach dem Gehör ausrichten, gerade für uns blinde eignet sich das. Wenn ihr eure Chancen erhöhen wollt, euer Motiv auch wirklich ins Zentrum zu bekommen, macht ruhig zum Anfang mehrere Aufnahmen und verrückt die Kamera immer ein kleines Stückchen.

3. Perspektive

Kleine Regel ist immer, der Fotograf wechselt die Perspektive, nicht der zu Portraitierende. Da kommt es sonst nämlich mal schnell zu eher angespannter Körperhaltung, und schon vermittelt uns das Bild auch eine eher unnatürliche Betrachtung. Lasst euer Motiv sich so hinsetzen oder hinstellen, wie es gerade möchte, so kann die Person eine entspannte Körperhaltung beibehalten, und das Foto wird ausdrucksstärker.

Wenn ihr ein wirklich natürliches Portrait haben wollt, achtet auch auf eure Körperhaltung. Wenn ihr Leute fotografiert, die gerade sitzen, macht es sich oft besser, ein Stück zurück und in die Hocke zu gehen.

4. Gesichtsausdruck

Ich habe da immer meinen Trick 17, der auch meistens funktioniert. während und nachdem sich mein Motiv gemütlich positioniert hat, unterhalte ich mich mit der Person, über alles mögliche, je nach dem, was sich gerade anbietet. Dann halte ich drauf, laufe herum, schieße weiter, und so kommen die natürlichsten Aufnahmen heraus. Wichtig bei solchen Aufnahmen ist, dass man wirklich mehrfach abdrücken sollte. Ein Gesichtsausdruck kann sich tatsächlich in ein paar Sekunden mehrfach ändern, und man bekommt oft erstaunliche Ergebnisse. Ich nutze dafür immer meine Serienbildfunktion. Die meisten Handys bieten diese Funktion auch, Kameras auf jeden Fall.

5. Anschnitt

Wenn man zum Beispiel eine Großaufnahme macht, wird auch oft mit Anschnitten nach oben hin gearbeitet, also dass ein Teil der Haare oder Stirn nicht oder nur teilweise zu sehen ist.
Das sollte man aber mit Vorsicht genießen, weil das ein Mittel ist, um beispielsweise bestimmte Gesichtspartien zu betonen, etwa Stirn und Augenpartie. Wenn man nicht aufpasst sieht es schnell mal … naja, versehentlich abgeschnitten aus, und das ist schade.

6. Was nun wie und wann verwenden?

Hier gibt es kein richtig und kein falsch. Das einzig wichtige ist, dass wir unser Portrait im Zentrum haben, und mit dem Hintergrund vorsichtig sind. Ansonsten kann ich eigentlich nur raten, hört auf euer Bauchgefühl. Schaut, was ihr über die entsprechende Person wisst, spürt nach, welche Stimmung sie gerade hat, welche Ausstrahlung, und wenn ihr dann vielleicht noch möchtet und dürft, könnt ihr auch ein bisschen auf Tuchfühlung gehen, damit ihr einen guten Überblick über Statur, Kleidung und Gesicht des Menschen habt, den ihr fotografieren wollt.

Lauft nicht mit ’nem Zirkel um euer Motiv herum, horcht einfach mal auf eure Intuition, probiert alle möglichen Varianten durch.

Am besten ist es, wenn ihr euch mal an ein und derselben Person versucht, damit ihr mal seht, was ihr mit den verschiedenen Einstellungen und sonstigen Möglichkeiten aus einem Menschen an Stimmungen und Wirkungsweisen herausholen könnt. Mir hat das damals jedenfalls wirklich Spaß gemacht.

Vielleicht konnte ich dem einen oder anderen ja ein paar Inspirationen mitgeben.

Frohes Fotografieren!

Eure Nadine

Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Eine Blinde Kunstfotografin erzählt: Teil 5.2 Allgemeine Tipps zur Portraitfotografie

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