Das Tafelsilber im Schloß Charlottenburg von Lutz Niestrat

Dieses Bild ist bei unserem Fotoseminar für Blinde im Schloß Charlottenburg in Berlin entstanden:

Eine langgestreckte hell erleuchtete Vitrine mit Silbergeschirr in einem ansonsten abgedunkelten Raum

Beschreibung von Katrin Heidorn

Das erste, was das Auge wahrnimmt, ist Glanz. Ganz viel silbriger Glanz von allen Seiten, aber vor allem im Vordergrund. Ich bin fast geblendet. Dann Orientierung und Verwunderung: Das Foto im Hochformat scheint ein Schwarz-Weiss-Foto zu sein. Keine Farben, nur Silber, Grau und Weiss, ein bisschen Schwarz. Doch was sehen wir? Einen Tunnel aus Glas und Spiegeln, leicht aus der Senkrechten nach rechts gekippt. Viele gerade Linien, die in die Tiefe laufen. Sehr viele Spiegelungen. Eine Ausstellungsvitrine von der Schmalseite gesehen. Auf der Fläche , die direkt am unteren Rand beginnt, ein kompletter Satz silbernes Tafelgeschirr für zwölf Personen auf weissem Tuch. In der Mitte, symmetrisch angeordnet ungefähr zehn bis fünfzehn große Terrinen mit verzierten, runden Deckeln. Zwischen ihnen verschnörkelte Kerzenleuchter -natürlich Silber, aber ohne Kerzen. An beiden Seiten, in exaktem Abstand aufgereiht, flache silberne Teller. Neben jedem Teller noch ein einfacher silberner Kerzenleuchter ohne Kerze. Ein gedeckter Tisch.  Der aber wird von den kleinen, aber zahlreichen Leuchten über der Vitrine so hell angestrahlt, dass die starken Reflexe es fast unmöglich machen, Einzelheiten zu erkennen. Aber da kommt Hilfe: den ganzen Tisch gibt es noch einmal als Spiegelung an der Glasabdekung der Vitrine. So schwebt das ganze Service in zarten Grautönen mit schwächeren Reflexen über den Köpfen. Sogar mehrfach. Dazwischen wie Perlenketten die Reihen von Leuchten. Auf der rechten Seite noch einmal eine Spiegelung des Tisches an der Wand der Vitrine. Alle Linien laufen perspektivisch auf das graue Rechteck am Ende der Vitrine zu. Und da sind sie auch zu sehen, als Spiegelung. Wie in einem Bilderrahmen: Der Fotograf und sein Assistent. Der Fotograf konzentriert, leicht nach links gebückt, mit der Pocketkamera am Auge. Kurzes, schwarzes Haar und  grauer Pullover. Links daneben steht, mit dem Blick zu uns, sein Begleiter mit dunkler Jacke und schwarz-grauem Haar. Er hält den weissen Stock in der Hand. Als hätten sie gewusst, dass dieses Bild keine Farben verträgt, sind sie perfekt passend gekleidet. Hinter ihnen ein Stück graue Wand. Links und rechts in genau gleichem Abstand je ein Regal mit grauem Rahmen. In diesen Regalen gibt es mehr Geschirr. Links zwei Porzellanterrinen oben, zwei Teller unten. Rechts oben zwei Teller und unten bauchige Deckel von irgendwas. Auf der rechten Seite verwirren nämlich die Spiegelungen der Vitrine das Auge. So schiebt sich  von dort ein weiterer Besucher ins Bild. Der ist aber nur halb zu sehen und ausserdem überdeckt von der Spiegelung der Hand des Fotografen. Hinter ihm noch einmal die Figur des Begleiters und das erste Regal. Er ist quasi umzingelt. Die Hand wird genau auf seine Wange reflektiert. Es sieht aus, als würde er gestreichelt. Hinter den Regalen schließlich ahnt man die durch helle Rollos abgedekten Fenster des Schlosses. Zu sehen sind nur die Fensterkreuze, die das Liniengewirr perfekt machen. Ein vielschichtiges Bild fürwahr. Aber schwarz-weiss ist es nicht. Wer genau hinsieht, entdeckt den zarten Hautton der beiden Gesichter.

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