Über „Die Schönheit der Blinden“

Rede von Jörg Möller zur Eröffnung der „Schönheit der Blinden“ am 20. 9. 2013 in der Galerie Bernau

I

Anfassen erlaubt, gucken aber nicht.“, sagt Lutz.

Wir stehen aber nun in einer Ausstellung, der Ausstellung „Die Schönheit der Blinden“ von Karsten Hein. Wir sehen Porträts, ein Buch, Kleider, hören Tondokumente mit den Stimmen der Beteiligten – und sehen natürlich die fotografische Dokumentation einer Modenschau. Die Protagonisten sind blind, der Fotograf jedoch nicht.

Wir befinden uns also in einer Zone (um das Jahresmotto aufzugreifen), die möglicherweise erst einmal verunsichert: Wo ist der „Riss“? Was nehmen wir wahr? Wo gibt es – vielleicht – ein leichtes Unbehagen? Oder ist es – vielleicht – doch viel einfacher? Was erkennen wir? Was ist Schönheit?

Wie kam es zu diesem Projekt?

II

Ilka sagt:

Es war ein befremdlicher Gedanke zu wissen, daß mein Gegenüber jede Kleinigkeit, jede Nuance, jede Unzulänglichkeit meines Gesichtes genau studieren würde, wohingegen sein Gesicht für mich unsichtbar bliebe. Zu wissen, daß jemand mein Gesicht besser kennen würde als ich selbst… .“

Vor ca. 2 Jahren bat mich Karsten ein Foto-Shooting mit einer blinden und einer sehenden Frau zu dokumentieren. Es sollte ein Teil seines neuen Fotoromans werden.

So lernte ich Ilka kennen. Ich hatte mich so leise durch die Kulisse bewegt (ich hatte meine Schuhe ausgezogen, um die Hintergrundplane nicht zu beschädigen…), so daß sie über das Klicken der Kamera erschrak. Du mußt mir schon sagen wo du gerade bist und was du machen willst!“ Es ist so leicht, respektlos zu sein… .

Die Porträts und die Bilder der Modenschau entstanden in der Zeit nach dem Fotoroman. 1,5 Jahre hat der gesamte Prozeß in der Vorbereitung und Koordination gedauert – bis die Kleidung z.B. fertig war. Sie stammen übrigens von der Schule für Mode und Design, Amy Scott und 7camicie. Die Klanginstallation von Ursula Voßhenrich.

Karsten hat die Protagonisten und sich durch lange Gespräche darauf vorbereitet, viel Zeit mit ihnen zugebracht – und sehr, sehr viele Bilder von ihnen gemacht. Karsten ist der einzige klickende Gesprächspartner, den ich kenne.“, sagt wiederum Ilka. Aber nur durch diese Vertrautheit, die sich durch die intensive Beschäftigung miteinander einstellt, sind solche Bilder möglich.

Denn eines haben alle Porträts gemeinsam (egal ob die Personen blind oder nicht blind sind): Es wird eine Schamgrenze überschritten, es ist kaum mehr möglich, sein Gesicht komplett zu kontrollieren; es gibt kaum mehr eine Barriere zwischen den beteiligten Personen. Es ist eine Grenzüberschreitung. Um ihnen einen Schutz zu geben wurde festgelegt, daß zu dieser Modenschau nur Blinde zugelassen sind. Ein Schutz-Raum.

Denn (wieder Ilka): Als ich das Klicken der Kamera zu ersten Mal hörte, war es wie das Klicken eines Schalters, dessen Betätigung all diese Gedanken wieder aktivierte, und für den Bruchteil einer Sekunde war ich dadurch wie gelähmt und peinlich berührt – für den Bruchteil einer Sekunde war es mir irgendwie peinlich, blind zu sein.“

Wesentlich komplizierter wird es dann, eine Gruppe zu fotografieren… .

III

Gut auszusehen ist Selbstbestimmung“, sagt Lutz.

Die Realität/der Alltag und der künstliche Raum einer Modenschau sind jedoch zwei grundverschiedene Dinge. Es wurde festgelegt, daß die Kleidung weiß sein sollte – wegen der Fotos. Die farbigen Momente in den Bildern nur durch Personen hervorgerufen, die gerade nicht als Model fungieren.

Offene Blende – unscharfer Hintergrund. Der Stoff, der Schnitt, der ertastet wird. Die Gruppenkonstellation, die – ebenso wie die gemeinsame Vorbereitung – eine Entsprechung in Bildaufbau und Farbigkeit finden muß. Es ist DIE AKTION, die in den Fotografien festgehalten wird – DAS AGIEREN der Beteiligten, DAS VERSTÄNDIGEN UND ERKENNEN in diesem geschützten Raum. Die Hände… .

Wir sehen die Hände in Aktion, und die Bewegung, die Dynamik, die darin liegt. Das Innehalten. Die Situation, in der alle – im wahrsten Sinne des Wortes – aufgehen können. 

Und es gab noch eine weitere beteiligte Person, einen besonderen Kunstgriff: die Braille-Schrift, die durch die Kunststickerin Antje Kunze für Stoffe entwickelt wurde. Sie wird in dieser konkreten Situation der Modenschau zum farbigen und grafischen Element. Denn: im Zusammenhang der Modenschau ist es für Blinde unerheblich, ob sie an der Kleidung angebracht wird.

Wie gesagt: Im Alltag ist es jedoch etwas anderes… .Aber – wenn wir hier die Aufmerksamkeit auf folgendes Bild lenken und die dazugehörigen Kleidungsstücke.

Es ist ein Kirschbaum: grüne und rote Punkte. Und ein Gedicht von Rilke.

IV

Was ist Schönheit?

Schön sind Menschen, die sich andere Menschen gerne ansehen.“, sagt Karsten. Ich möchte hinzufügen: Schön sind Menschen, die anderen in dieser friedlichen und entspannten Atmosphäre einen Einblick gewähren.“ Und dabei ist es völlig unerheblich, ob jemand blind ist, oder taub, oder ob er sehen und hören kann.

Schönheit ist auch, einen Raum schaffen zu können, den andere gerne nutzen und ausfüllen wollen – und so einen Platz in diesem Gefüge finden. Schönheit ist ebenso, die adäquate fotografische Form dafür zu finden. Schönheit ist, wenn Jenny sagt, Karsten hätte ihr ihr Gesicht wiedergegeben. (Sie kennt ihr Bild „nur“ aus Beschreibungen… .) 

Was ist Schönheit noch? Dazu sagt Jessy: Entdeckt mich jetzt mal!“

Vielen Dank!

Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Über „Die Schönheit der Blinden“

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