Tough Rucker

Dieses Bild hat uns der Dokumentarfilmer und Lyriker Rainer Komers gleich zusammen mit seiner Bildbeschreibung geschickt. Einer experimentellen Bildbeschreibung. Ich poste sie gleich zusammen mit einem ersten Kommentar von Katrin. Was meint ihr dazu?

Also erst das Bild:

Ein Mann hält eine verschmutzte US-amerikanische Fahne in die Kamera. Er steht auf einer sonnigen Straße. Auf seinem Sweat-Shirt steht "Tough Ruck 2006".

Und dann Rainers Beschreibung:

tough rucker

die zeiger der antiken straßenuhr
mit ihren römischen zahlen
zeigen auf 17 uhr 26
die sonne steht tief
figuren und artefakte
werfen längere schatten
auf die rissigen bürgersteige

an der straßenkreuzung im hintergrund
verdeckt von einer fußgängerampel
steht schwarz gekleidet eine frau
befragt von einer fernsehkamera
zwei weiße und ein schwarzer im
gespräch dazwischen ein roter brief
kasten am schild mit der aufschrift „zone“
lehnt angeschlossen ein blaues damenfahrrad

am rechten bildrand angeschnitten die hand mit dem handy
ganz ohr bekleidet mit schwarzem blouson bedruckt mit
einem tigermotiv in grau und in farbe mit rucksack
läuft eine männliche person von der wir nicht
wissen mit wem und was sie spricht doch
nun zu CARLOS ARREDONDO der
zentralfigur in der komposition
mit der blutverschmierten
usa-flagge zwischen
seinen händen

getrockntes blut an einem grauen BOSTON MARATHON sweater
lenkt deinen blick auf ein entschlossenes gesicht umrahmt
von gelocktem schwarzglanzhaar sein kinn umflort
von einem sorgsam gestutzten kinnbart die
lippen leicht geöffnet als wollten sie
gleich anheben zu sagen ich
bin ein friedensaktivist
der seine söhne
im irakkrieg
verloren
hat
und der
jetzt nachdem
die bomben am ziel
ihr uraltes werk verrichtet
haben menschen in not beistand
geleistet hat als BOSTON HERO feiert
das internet ihn mit gelbem jacket überm arm

2 Kommentare

Eingeordnet unter schon beschrieben

2 Antworten zu “Tough Rucker

  1. Und hier Katrins Kommentar:
    Na ja, das ist wirklich ein künstlerischer Text. Ich finde, er drückt schön die Stimmung des Bildes aus, verwirrt aber auch, weil man nicht so recht weiß, woran man ist. Am überraschendsten ist, dass das Wichtigste an dem Bild erst fast zum Schluss erwähnt wird. Dadurch fühlt man sich etwas überrumpelt. Aber insgesamt gefällt es mir gut. Es wirkt sehr kunstvoll formuliert und vermittelt die Stimmung des Bildes sehr genau: Ein bisschen düster, leicht verstörend, verwirrend. Da hinein passt dann auch die späte Erwähnung des wichtigsten Details. Und hätte man es zuerst erwähnt, wären die anderen Details vielleicht gar nicht mehr so recht zur Geltung gekommen. Aber um mir wirklich eine Vorstellung von dem Bild machen zu können, sind es mir zu wenige Details. Z.B. werden die Personen und Gegenstände fast nur erwähnt und kaum beschrieben. Das ist mir noch zu wenig. Aber das ist ja auch nicht das Ziel dieser künstlerisch ausgerichteten Beschrebung, sondern eher die Vermittlung von Stimmung und entsprechender Sprache. Und das ist meiner Meinung nach sehr gut gelungen.
    Liebe Grüße,
    Katrin

  2. Rainer Komers

    Liebe Katrin,

    über Deinen kenntnisreichen und genauen Kommentar habe ich mich sehr gefreut. Die dramatische Geschichte der Hauptfigur Carlos Arrendondo und des blutigen Bombenanschlags beim Boston Marathon werden in diesem Foto zusammengeführt. Gemeinsam mit „Tough Ruckers“, Kriegsveteranen, die in Uniform und mit schweren Rucksäcken beladen am Marathon teilnehmen, hat Carlos Spenden für in Not geratene Veteranen gesammelt. Er selbst, ein Einwanderer aus Puerto Rico, hat durch den Irak-Krieg zwei Söhne verloren und hat danach versucht, sich das Leben zu nehmen. Jetzt, kurz bevor das Foto gemacht wurde, hat er ein Leben gerettet, indem er einem Schwerverletzten einen Weg zu den Rettungskräften gebahnt hat. Besonders sein Gesichtsausdruck hat mich beeindruckt: das vorgeschobene, entschlossen wirkende Unterkinn, die zum Sprechen bereiten, leicht geöffneten Lippen, die gegen die blendende, tief stehende Sonne zusammen gekniffenen Augen, dazu der dem Fotografen entgegen gehaltene blutige US-Wimpel – das alles zeigt für mich die Ambivalenz eines aberwitzigen Patriotismus, der für imperialistische Ziele missbraucht wird und am Ende im eigenen Land Opfer fordert.
    Du hast die Stimmung einer auf den ersten Blick friedlichen Straßenszene am späten Nachmittag genau erfasst. Das Blut am Sweater mit dem Aufdruck „Tough Ruck“ und der blutige Wimpel im Vordergrund stören den Frieden empfindlich. Erst jetzt, wo ich, angeregt durch Deinen Kommentar, das Foto noch genauer betrachte, entdecke ich ganz im Hintergrund ein gestreiftes Absperrband quer über die Straße, einen Polizisten in einer Warnweste und einen geparkten Rettungswagen.
    Zwei grundsätzliche Fragen wirft das Foto für mich auf. Wann, wie genau und wie nachhaltig betrachten wir Sehenden ein Foto im Rahmen der täglichen Bilderflut? Und wie betrachten wir Angehörige der westlichen Hemisphäre das Boston-Foto im Vergleich zu Fotos von den fast täglichen Anschlägen in Afghanistan, im Irak oder in Pakistan? Sehen und werten wir mit zweierlei Maß?

    Liebe Grüße, Rainer

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